Das Piemontesische ist eine Sprache. Das ist nicht nur so, weil es von Philologen und der UNESCO so bezeichnet wird, sondern vor allem aufgrund seiner Struktur, seiner Geschichte und der reichen kulturellen Produktion. Es handelt sich um eine romanische Sprache, die zur gallo-italischen Gruppe Norditaliens gehört und aus der Verbindung des Lateinischen mit den keltischen und keltisch-ligurischen Sprachen hervorgegangen ist, die vor der römischen Eroberung in der Region gesprochen wurden. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie zudem Einflüsse benachbarter Sprachen sowie jener aufgenommen, die jeweils als Amtssprachen dienten.
Das Piemontesische verfügt über eine kodifizierte Grammatik und eine Schreibweise, die es erlaubt, alle seine subregionalen Varianten festzuhalten – ein Merkmal, das es deutlich von dem unterscheidet, was gemeinhin als „Dialekt“ bezeichnet wird. Die maßgeblichsten Sprachwissenschaftler weltweit erkennen es als eigenständige Sprache an. Auch die UNESCO stuft es als solche ein, wenn auch als gefährdete Sprache: eine paradoxe Situation, wenn man bedenkt, dass es noch von etwa zwei Millionen Menschen im Piemont gesprochen und von fast drei Millionen verstanden wird.
Seine literarische Tradition, die sich vor allem ab dem 18. Jahrhundert entwickelte, ist umfangreich und bedeutend. In dieser Zeit entstand eine piemontesische Literatur mit nationalem Charakter, die alle Gattungen umfasst: von der Lyrik über den Roman bis hin zur Tragödie und zur Epik. Im Jahr 1783 wurde die erste Grammatik der piemontesischen Sprache veröffentlicht, die Gramàtica piemontèisa des Arztes Maurizio Pipino, gedruckt in den Königlichen Druckereien – ein grundlegender Schritt in der Kodifizierung der Sprache.
Im 18. Jahrhundert war das Piemontesische die Sprache aller sozialen Schichten. Es war nicht nur die Sprache des Volkes, sondern auch Hofsprache, Predigtsprache und Unterrichtssprache. In einem Europa, in dem Französisch die Höfe dominierte – sogar in Sankt Petersburg –, stellte Turin eine bemerkenswerte Ausnahme dar: Hier sprach man Piemontesisch, auch aufgrund eines ausgeprägten antifranzösischen Gefühls infolge der politischen Ereignisse jener Zeit. Die Sprache wurde zudem zu einem Instrument der Identitätsbildung: Durch die Literatur wurde das Nationalgefühl gestärkt, etwa durch Gedichte, die die Taten des piemontesischen Heeres und den Widerstand gegen den französischen Druck verherrlichten.
Seit 1981 ist das Piemontesische als europäische Minderheitensprache anerkannt und im UNESCO-Atlas der gefährdeten Sprachen der Welt als schützenswert eingetragen. Phonetisch weist es Merkmale auf, die es dem Französischen annähern, sodass es für Sprecher dieser Sprache in gewisser Weise vertraut klingen kann.
Einige Beispiele piemontesischer Wörter:
- assiëtta FR assiette DE Teller IT piatto
- madama FR madame DE Frau IT signora
- tomatica FR tomate DE Tomaten IT pomodoro
Diese und viele weitere Besonderheiten können Sie bei meinen Stadtführungen in Turin entdecken.
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